Interview mit Jon Geoffrey Goldsworthy: Musical ist eine Legitime Form des Musiktheaters (That's Musical)

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Jon Geoffrey Goldsworthy studierte Konzert- und Operngesang in Augsburg und wirkte nicht nur in zahlreichen Opern, sondern auch in Musicals mit. Am Stadttheater in Pforzheim steht er mittlerweile seit mehr als zehn Jahren als Gast in den Musicalproduktionen des Hauses auf der Bühne, aktuell zum Beispiel als Vampirjäger Van Helsing in Frank Wildhorns "Dracula". Im Interview spricht der charismatische Sänger unter anderem über das deutsche Theatersystem und über seine Rolle als König von Bayern.
 
Sie sind eher selten in Ensuite-Produktionen zu sehen, viel häufiger in Häusern mit Repertoirebetrieb. Was mögen Sie daran besonders?
Das ist ganz einfach Programm für mich. Ich wurde als Opern- und Konzertsänger ausgebildet und habe meine ersten Engagements an städtischen Theaterbetrieben bekommen. Das ist auch der übliche Werdegang für einen klassischen Sänger. Ich bin auch sehr froh, diese Schule genossen zu haben. Denn so konnte ich mich im Gefüge eines Ensembles in vielen Rollen ausprobieren und mit den Jahren sehr viel Erfahrung sammeln. Ich schätze das deutsche Theatersystem sehr und sehe mit Bedauern, wie die Ensembles infolge finanzieller Kürzungen zunehmend schrumpfen.
 
In "Dracula" verkörpern Sie derzeit als Van Helsing einen mutigen, edlen Charakter, in "Sweeney Todd" werden Sie die Figur des Richters Turpin darstellen, der unter dem Deckmantel seiner Amtsmacht Verbrechen begeht. Welche Seite reizt Sie schauspielerisch mehr: Das Gute oder das Böse?
Ganz klar: Das Böse! Das war aber nicht immer so. Anfangs hat mich die Rolle des strahlenden Helden interessiert. Doch über die Jahre und mit zunehmender Erfahrung habe ich gelernt, die Schattenseiten der Charaktere zu schätzen. Dabei liegt für mich der besondere Reiz darin, den Bösen so zu durchleuchten, dass man am Ende sogar so etwas wie Sympathie für ihn empfindet. Stereotypen und Plattitüden interessieren mich nicht. Für mich gilt grundsätzlich: Ob gut oder böse, der Mensch und seine Nöte müssen im Mittelpunkt stehen.
 
Sie treten auch in Operetten und Opern auf. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass diese Formen des Musiktheaters in der Öffentlichkeit als künstlerisch hochwertiger gelten? Wie sehen Sie das?
Mir als Darsteller kommt es auf die Figur an, die ich verkörpere. Ob sie eine Arie oder einen Song singt, ist völlig egal, solange die Emotion ursprünglich und echt ist. Der Vergleich hinkt sowieso, denn Oper und Operette haben ein ganz andere Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte als das Musical. Gesellschaftlich gesehen, finde ich, hat sich das Musical auch in Deutschland mittlerweile als legitime Form des Musiktheaters etabliert. Natürlich bleibt es eine Frage des Geschmacks. Es gibt so viele Arten von Zuschauern, und dazu gehören auch die "Aristokraten": Die gehen aus Prinzip ausschließlich in Oper oder Symphoniekonzert und - höchstwahrscheinlich - in den Keller, um zu lachen. Dann gibt es Zuschauer, die sich gegen jede Form von Kommerz im Theater wehren - mit Stella, Stage Holding und Stage Entertainment wurde das Musical in Deutschland aber nun mal kommerzialisiert, was hierzulande ganz neu war. Das ist manchen vielleicht zu amerikanisch. Aber die Zuschauerzahlen bestätigen, dass sich das Musical inzwischen zur beliebtesten Form des Musiktheaters entwickelt hat. Ich bin froh, dass es verschiedene Menschen mit verschiedenen Geschmäckern gibt. Das macht die Welt bunter. Wer die Nase rümpft und auf andere herabschaut, verschließt sich dieser bunten Welt und ist eigentlich zu bedauern.
 
In "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies", einem sehr opernhaften Musical, standen Sie vier Jahre lang in der Titelrolle auf der Bühne. Welche besonderen  künstlerischen Erfahrungen konnten Sie in dieser für Sie ja eher ungewöhnlich langen Phase machen?
Die Zeit in Füssen war unbeschreiblich. Das wird auch bestimmt jeder bestätigen, der dabei sein durfte. Im Nachhinein hatte das Ganze etwas sehr Magisches: die Produktion, die herrliche Musik, das neue Theater und die göttliche Kulisse des Königswinkels. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, so lange eine einzige Rolle zu spielen. Doch je mehr ich mich mit der Materie und der Person König Ludwigs beschäftigte, desto verstrickter wurde ich mit dieser Rolle. Als König Ludwig war ich dreimal in den USA auf Promotiontour und habe zwei Dokumentarfilme für das ZDF gedreht. Ich wanderte durch alle Schlösser, auch durch Räume, die sonst unzugänglich sind, atmete dieselbe Luft wie Ludwig und bestieg dieselben Berge. Ein Höhepunkt war die Privataudienz mit Bill Clinton im Sängersaal von Schloss Neuschwanstein. Es war eine aufregende Zeit und ich empfinde es als Privileg, dass ich diese Erfahrungen machen konnte. Welcher Ami kann schon von sich behaupten, "König von Bayern" gewesen zu sein?
 
Im August kehren Sie für ein Konzert ins Füssener Festspielhaus zurück. Können Sie mehr dazu und zu Ihren sonstigen Plänen für die nächste Zeit erzählen?
Auf das Konzert mit Janet Chvatal, Marc Gremm und Jan Ammann freue ich mich sehr. Es wird schön sein, die Bühne im Festspielhaus wieder zu betreten. Ich kenne noch jeden Winkel. Das Konzept des Drei-Königs-Treffens finde ich sehr lustig und das Wiedersehen wird bestimmt sehr emotional.  Zu viel vom Programm will ich nicht verraten, nur, dass es Nummern aus beiden Ludwig-Musicals geben wird. Wie das eingepackt wird, bleibt noch geheim. Ich werde auf jedem Fall nach dem Konzert ein paar Tage in Füssen verweilen, um das alles noch einmal in mir aufzunehmen und ein bisschen Urlaub zu machen. Dann geht es erst einmal für ein paar Wochen zu meiner großen Familie in die USA. Was dann der Herbst beruflich beschert, ist noch nicht entschieden. Es wird aber bestimmt spannend - so wie dieser Beruf eben!
 
Interview: Sylke Wohlschiess